Unsere Unterkunft: Eine ehemalige Pusztaschule
Durch den Kiskunsag Naturpark
Am Hauptplatz von Kecskemet
Auf den Spuren des Transdanubia Rides
Sandwege, mal breiter...
...mal schmäler
Sonneuntergangsstimmung in der Puszta
Eine Pusztakirche im Abendlicht
Hans jagt durch’s Gebüsch
Durch eine Rinderweide
Da waren einmal ein Wald und Wege
Kurze Verschnaufpause vor einem Ziehbrunnen
Inmitten eines ausgetrockneten Steppensees
Doch nicht immer ist der Schlamm ganz getrocknet...
Man lernt aus Fehlern – und meidet schön das Wasser

Mit der Fähre über die Donau

 

 

Auf Streifzug durch die Puszta

02.-05. Juli 2004


So nah und doch so unbekannt – eigentlich eine Schande, dass wir mit dem Motorrad noch nie in unserem Nachbarland Ungarn waren, dachten sich mein Bruder Hans und ich, als wir ein Reiseziel für ein verlängertes Wochenende suchten. Dabei liegt die Grenze keine Fahrstunde von Wien entfernt. Aber „wennschon – dennschon“, dachten wir uns: wennschon Ungarn, dann wollen wir es gleich von einer seiner charakteristischsten Seiten kennenlernen, nämlich in der Puszta.

Als ewiger Drückeberger habe ich ja noch eine kleine Rechnung mit der Puszta offen. 3 oder 4 mal wollte ich mich zum Transdanubia-Ride anmelden, der legendären Amateur-Rallye von Richard Schalber. Immer fehlte mir irgendetwas: ein geeignetes Motorrad, Vertrauen ins eigene Fahrkönnen, ein Partner, Zeit, Geld oder sonst was. Jetzt gibt es diesen Event nicht mehr, aber von einem Freund konnte ich mir 2 Roadbooks des 99er-Rides ausborgen. Daher war es klar, dass unsere Unterkunft in der Nähe des damaligen Basiscamps liegen sollte. Hans hat ein bisschen im Internet gestöbert und eine Unterkunft in einer alten Pusztaschule, die zu einem Ferienbauernhof umgestaltet worden ist, gefunden. Ein Zimmer ist schnell reserviert und so reiten Hans und ich Freitag zeitig am Nachmittag in Richtung Osten. Schneller Transit über die Autobahn ist angesagt, und so erreichen wir nach 3.5 Stunden unser Ziel in Kerekegyhaza, ca. 20 km nordwestlich von Kecskemet. Unsere Alte Schule liegt allerdings weit ausserhalb des Ortes, im wahrsten Sinne des Wortes mitten in der Puszta. Wir sind überwältigt: Nach einigen 100m durch Tiefsand stehen wir vor einem liebevoll hergerichteten Hof und werden von Herrn Gyula Ujvari und seiner Frau Maria aufs Herzlichste empfangen. Ein köstliches Abendessen steht schon auf dem Tisch der Veranda, dazu ein milder Begrüßungsschnaps und wir sind so richtig glücklich.

Den ersten vollen Tag in der Puszta (was übersetzt soviel wie Steppe oder Ödland heißt) wollen wir im nahegelegenen Naturpark Kiskunsag beginnen. Kiskunsag, oder zu deutsch Kleinkumanien, ist der Name der Region, in der wir uns befinden. Die Landschaft, eingebettet zwischen Donau und Theiß, ist geprägt vom Schwemmsand dieser beiden Flüsse. Zum Teil ist der Sand mit Löss bedeckt, zum Teil ist er Treibsand, den der Wind zu bis zu 20 m hohen Dünen aufgetürmt hat. In den naturbelassenen Gebieten besteht die Vegetation überwiegend aus Heidegras, Weißpappeln und Wacholder. Durch genau so eine ursprüngliche Pusztalandschaft tuckern Hans und ich nun mit unseren Enduros und machen uns schön vorsichtig mit dem losen Untergrund vertraut. Zahllose Sandwege, mal festgepresst von Autos und Traktoren, mal tief verspurt, durchkreuzen den Naturpark. Es ist ein wahres Enduroparadies, wie uns sofort klar wird. Wir heizen aber nicht wie im Rausch durch die Gegend, sondern versuchen diese einmalige Landschaft und die Weite der Ebene in uns aufzusaugen.

Am späteren Vormittag fahren wir in die Stadt Kecskemet. Wir wollen einen Bissen zum Essen holen und wenigstens ein Minimum an Kulturprogramm absolvieren. Tatsächlich hat die „Stadt des goldenen Sandes“ viel zu bieten. Das Stadtzentrum beeindruckt mit wunderschön renovierten Kirchen, dem Rathaus, Theater, Gymnasium und anderen Gebäuden des öffentlichen Lebens.

Aber schließlich sind wir ja nicht zum Spazierengehen in die Puszta gefahren, sondern wir haben uns ja auch ein sportliches Programm vorgenommen. Somit fahren wir von Kecskemet direkt an den Start der Transdanubia-Etappen in Sarlosar, das in der Nähe von Örkeny gelegen ist. Schnell finden wir den Einstieg, dann stelle ich noch den Tripmaster meiner Adventure auf den Rallyemodus um und es kann losgehen. Genial – Rallye fahren im Bummeltempo. Es macht gewaltigen Spaß, nicht zuletzt dank der Streckenführung, die alle Varianten von Untergrund zu bieten hat: Schotter, Waldboden, Gras, mal Asphalt, vor allem aber Sand. Schon nach wenigen Kilometern kommen wir an einem Warnschild vorbei, aus dem wir erahnen, dass es ein militärisches Übungsgelände markiert. Ab nun fahren wir entlang breiter und tiefsandiger Panzerstrecken. Auch die ersten massiven Orientierungsprobleme lassen nicht lange auf sich warten. Da ist kein Weg, wo wir laut Roadbook hinfahren sollen. Nach einer fast einstündigen Suche fahren wir resignierend doch exakt nach Roadbook quer durchs Gestrüpp. Und siehe da: der Weg stimmt – sensationell! Nun darf auch Hans einmal den Scout spielen und gerne überlasse ich ihm die Adventure, um gemütlich auf seiner Tenere hinter ihm herzufahren. Von wegen gemütlich: Mit der KTM unter dem Hintern schlägt der liebe Bruder auf einmal an ganz anderes Tempo ein als zuvor. „Wird langsam Zeit für einen Markenwechsel“, versuche ich ihn grinsend von den Vorzügen der Kantn zu überzeugen.

Ehe wir es uns versehen, ist es Abend geworden – und wir haben gerade einmal 50 km der 220 km langen Etappe absolviert. Zum vereinbarten Zeitpunkt kommen wir in unser Quartier zurück, wo schon ein herrliches Gulyas auf uns wartet. Und natürlich ein Schnaps. Nach einem stimmungsvollen Sonnenuntergang in der Puszta krachen wir erschöpft, aber glücklich in unsere Betten.

Den nächsten Tag beginnen wir gleich mit der zweiten Roadbooketappe, die den selben Einstieg hat wie die erste. Bis zum Mittag haben wir wieder riesen Spaß beim Endurofahren, auch wenn uns ein großes frisch-gerodetes Waldstück vor ernsthafte und zeitraubende Orientierungsschwierigkeiten stellt. Nach der Mittagsjause führt uns die Strecke immer mehr in bebautes Gebiet und auf Asphaltstraßen, weshalb Hans und ich beschließen, die Rallyeetappe abzubrechen und wieder südwärts in die Puszta zu fahren. Wir suchen uns auf der Detailkarte ein möglichst unbewohntes Gebiet südlich von Dunaujvaros und stechen mitten hinein in die Tiefebene. Ein Feldweg führt uns direkt auf einen ausgetrockneten Steppensee. Ringsum fliegen große und kleine Vögel in einer unglaublichen Vielfalt, dazu ertönt das Quaken der Frösche im Schilf. Wir wähnen uns in einem Naturpark, aber auf der Karte ist nichts dergleichen eingezeichnet. So fahren wir ohne richtigen Plan kreuz und quer, vorbei an Schafherden, entlang von Bewässerungskanälen, durch Schilfgürtel und entlang einiger weniger Kornfelder. Die Gehöfte liegen hier sehr weit auseinander und sind zum Teil verlassen. Den ganzen Nachmittag begegnen wir mit Ausnahme eines Schafhirten keiner Menschenseele.

Das Abendprogramm gestaltet sich wie am Vortag – ohne Schnaps aber diesmal. Ansonsten wieder ein ausgezeichnetes Abendessen, interessante Geschichten von Gyula und ein prächtiger Sonnenuntergang. Obwohl totmüde wollen wir uns noch das Fußball-EM-Finale ansehen, aber weder Hans noch ich können die Augen bis zum Schlusspfiff offenhalten.

Der Tag der Heimreise ist angebrochen und wir nehmen Abschied von unseren lieben Wirtsleuten. Um noch möglichst lange die Puszta genießen zu können, fahren wir nicht direkt über die Autobahn zurück, sondern über kleine Nebenstraßen bis an die Donau südlich von Budapest. Das Überqueren der Donau ist in diesem Gebiet gar nicht so einfach, da es zwischen Budapest und Dunaujvaros keine Brücken, sondern nur Flussfähren gibt. Wir haben ein bisschen „Pech“ und kommen 5 Min zu spät zu unserer Fähre, müssen also eine knappe Stunde warten. Aber es gibt Schlimmeres, als bei Sommerwetter am Donauufer im Schatten einer Weide zu liegen, den Strom an sich vorbeiziehen zu lassen und die herrlichen zwei vergangenen Tage Revue passieren zu lassen. Das wird wohl nicht unser letzter Ausflug in die Puszta gewesen sein.